Donnerstag, 29. Oktober 2009

Anekdote aus der Arbeitswelt

Dass die indische Unternehmenskultur und the Indian Way of Business so viel anders sind als in Deutschland ist mir bisher nicht so aufgefallen. Liegt vielleicht auch daran, dass meine Chefs von der weltgewandten Sorte sind, viel im Ausland reisen und viele ausländische Kunden haben. Viele andere Praktikanten berichten immer wieder von der lustigen Art ihrer indischen Kollegen, Probleme zu beseitigen. Heute musste ich erstmals ungläubig den Kopf schütteln. Es ging darum, für das Audit zu belegen, dass die Gehälter den verschiedenen Qualifikationen und Berufserfahrungen entsprechend gestaffelt sind. Klingt logisch. Hat bisher aber niemanden interessiert. So musste ich feststellen, dass ein Mitarbeiter, der seiner Qualifikation und seiner Berufserfahrung entsprechend eigentlich eine niedrige Gehaltsstufe hätte haben müssen, sich allerdings zwei Ebenen darüber befand! D.h. er verdient mehr als das Doppelte seiner wesentlich besser qualifizierten Vorgesetzten. Eine Ungereimtheit, die besser nicht im Bericht erscheinen sollte. Also fix dem Management das Problem geschildert, doch dort erntete ich nur ein Schulterzucken und folgende geniale Antwort: "Dann beförder ihn doch mal eben." Der Herr wird sich freuen mal eben so zwei Hierarchiestufen überspringen und Chef seiner bisherigen Chefs sein zu dürfen. An meinem ungläubigen und fast schon amüsiertem Gesichtsausdruck musste mein Chef dann allerdings gemerkt haben, dass diese Antwort wohl sehr indisch war.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Visa issues

Nach tagelangem Zittern und widersprüchlichen Informationen hatten wir uns gestern schließlich entschlossen, nach Delhi zum Ministry of Home Affairs (entspricht dem Innenministerium) zu fahren und unsere Visaprobleme zu klären. Unsere Sachen für Delhi samt sämtlicher Dokumente waren bereits gepackt, die Stimmung bedrückend, unsere Nerven lagen blank. Viele, viele Stoßgebete wurden zum Himmel geschickt, dass unsere Visaänderung akzeptiert wird und wir nicht zum 31.10. - sprich innerhalb von 3-4 Tagen- Indien verlassen müssen. Die Stimmung war gerade am Tiefpunkt angelangt, bei meinen Mitbewohnern und mir flossen schon Tränen der Verzweifelung, als ich eine E-Mail mit dem Betreff "VISA problems - Issue sorted" erhielt. Im selben Augenblick erreichten mich auch eine SMS und ein Anruf mit selbigem Inhalt: Das MHA hat die Business Visa-Bestimmungen extra für AIESEC Praktikanten gelockert. Nachdem wir diese Bestätigung auch nochmal von Praktikanten aus Delhi erhalten hatten, lagen wir uns alle in den Armen. Mama, du warst bei Skype live dabei. :) Für mich wäre es ein enormer Aufwand gewesen, noch am Samstag nach Deutschland zu fliegen, dort zu bleiben bis mein neuer Visumsantrag bearbeitet ist, um dann wieder zurückzufliegen. Immerhin hätte mir diese Option aber offen gestanden. Für die meisten anderen Praktikanten wäre aus Kostengründen (ein Flug von Indien nach Mexiko und zurück kostet das Fünffache von meinem Flug) der Traum von Indien vorbei gewesen. Danke an dieser Stelle an meine Eltern, dass sie mir im Notfall ermöglicht hätten, wieder so schnell wie möglich nach Indien zurückzukehren. Danke auch für das Sponsoring der sich anschließenden spontanen Party. :)

Donnerstag, 22. Oktober 2009

AIESEC-Praktikant, der (maskulin, Singular)









Der AIESEC-Praktikant an sich ist dem Feiern nicht grundsätzlich abgeneigt. Neben seiner stets gewissenhaft ausgeführten Arbeit und dem Ausbau seiner interkulturellen Kompetenzen durch häufiges Reisen, stellen besonders Mottoparties auf der Dachterrasse der sagenumwobenen Location in Sektor 16 eine gern gesehene Abwechselung dar.

Samstag, 17. Oktober 2009

Diwali













Dieses Wochenende ist Diwali, das Lichterfest. Es ist wie Weihnachten und Silvester zusammen! Alle Häuser werden mit Lichterketten behangen, man beschenkt sich gegenseitig, nachts werden Kerzen aufgestellt und die ganze Nacht gibt es Feuerwerk und Cracker zu sehen und zu hören. Heute Nacht kommt hoffentlich der Geist von Lord Rama vorbei, weil wir alles so toll geschmückt haben, und bringt uns Glück und Wohlstand. :) (In Mexiko und Kolumbien gibt es den gleichen Brauch im Dezember mit Maria, der Mutter Gottes anstelle des Lord Ramas.)
Donnerstagabend haben AIESECer für uns Praktikanten eine kleine Diwali-Party veranstaltet. Gestern haben Kathy und ich schließlich auch Lichterketten (weiß und pink - Widerstand meinerseits gegen letzteres war zwecklos) gekauft und spanische Weihnachtslieder singend (Feliz Navidad...) unseren Balkon dekoriert. Total weihnachtlich in T-Shirt und Flip Flops - für Kathy, meine Lieblingskolumbianerin, nichts Ungewöhnliches. Später waren wir auf einer Diwali-Party eingeladen. Die High Society Indiens lässt grüßen. Daran, dass wir uns eindeutig unter den Reichen befanden, merkte man nicht nur daran, dass jedes Haus in der Nachbarschaft seinen eigenen Security Guard vor dem Haus stehen hat, sondern daran, dass die Kleider der Mädels immer kürzer, die High Heels dafür höher, die Getränke der Mädels alkoholhaltiger und der Kontrast der Hautfarbe zwischen Kellnern und indischen (!) Gästen deutlicher werden... Außerdem sprachen alle untereinander Englisch. Die Party hätte auch in den Hollywood Hills oder in St. Tropez stattfinden können. Wahnsinn! Das andere Indien eben...
Heute werden wir nach dem Dinner auf dem Balkon sitzen und das zweistündige Feuerwerkspektakel beobachten, selbst Wunderkerzen anzünden und ins neue Jahr feiern.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Das Zelt auf unserer Straße

Ich hab mich bisher immer gefragt, was sich wohl in dem Zelt verbirgt, welches nur rund 100m von unserem Haus entfernt am Straßenrand steht. Heute hab ich mich mal getraut, hinzugehen. Darin lebt ein alter Mann, der sein Geld damit verdient, Wäsche zu bügeln. Habe seinen Service direkt mal in Anspruch genommen. Erhitzt wird das Bügeleisen mit glühenden Kohlen. Das Ergebnis ist durchaus zufriedenstellend. Mit meinem Reisebügeleisen könnte ich meine Blusen auch nicht glatter bekommen. Die Kommunikation gestaltete sich allerdings ein wenig schwierig. Zeichensprache hilft weiter. Er gab mir jedoch zu verstehen, dass ich so viel zahlen soll, wie es mir wert ist. Generell nimmt er 3Rs, d.h. ungefähr 5Cent pro Kleidungsstück. Bei dem Berg an Wäsche, der sich im Zelt stapelt, lässt sich allerdings über die Runden kommen. Da normalerweise nur einfache indische Leute ihre Wäsche dort abgeben - reiche Inder haben ihr eigenes Personal daheim - war er von mir als Kunde wohl sichtlich überrascht und verneigte sich ununterbrochen.

Samstag, 10. Oktober 2009

An Indian wedding











Das absolute Highlight meines bisherigen Aufenthaltes in Indien war eindeutig Bhavyas Hochzeit. Angefangen mit der kostspieligen Einladung, bestehend aus einer verzierten Box indischer Süßigkeiten, begann für mich die wohl bisher intensivste Konfrontation mit der indischen Kultur. Am Mittwochabend fand die sogenannte Ladies' Night statt. Während die Braut etwas Abseits sitzt und ihre Arme und Beine komplett mit Henna verziert werden, sind die engsten weiblichen Freunde und Familienangehörigen dazu eingeladen, sich durch das Buffet zu essen und vor allen Dingen zu tanzen! Wenn Inder und ganz speziell Inderinnen eines können, dann ist das tanzen! Das wird ihnen in die Wiege gelegt. Ganz so streng hat es Bhavyas Familie mit der Ladies' Night allerdings nicht genommen, denn einige männliche Familienmitglieder waren durchaus anwesend. Der Bräutigam und dessen Familie waren jedoch traditionsgemäß nicht eingeladen.
Bhavyas Familie war so entzückt von Kathy und meiner indischen Aufmachung, so dass uns die große Ehre zuteil wurde, am nächsten Morgen zur Zeremonie im engsten Familienkreis erscheinen zu dürfen. (Thx Boss for approving my spontaneous half day leave.) Nur höchstens 20 Anwesende sitzen dabei rund um ein Lager aus Kissen und Matratzen. Die Braut, ihre Eltern und Tante und Onkel, sowie der Priester nehmen in der Mitte Platz und es folgen verschiedene Rituale. Das Hauptritual besteht darin, dass die Braut die Augen schließt und sie erst wieder aufmachen darf, wenn ihre Tante und ihr Onkel ihre beiden Arme komplett mit Armreifen behangen haben. Diese muss sie nun so lange tragen, wie ihre zukünftige Schwiegermutter das möchte. (Immerhin erkenne ich nun frisch verheiratete Frauen auf der Straße sofort.) Anschließend knüpfen alle weiblichen Anwesenden einen Knoten in ein rotes Fußbändchen der Braut und behängen ihre Arme zusätzlich mit goldenen langen Ketten. Auch wir waren dazu eingeladen, an diesem Ritual teilzunehmen.
Donnerstagabend folgte schließlich der offizielle Teil der Hochzeit. Rund 400 geladene Gäste gaben sich die Ehre. Die Location war einfach traumhaft schön. Gefeiert wurde draußen unter Palmen, auf einer riesigen Rasenfläche, überall Tische, Sofas mitten auf dem Rasen, mehrere Buffets und Bars, Pavillions aus Stoff, ein Wasserfall im Hintergrund, ein roter Teppich und eine Bühne mit zwei Sesseln für das Brautpaar. Die Ankunft des Bräutigams (im Punjabi-Suit) erfolgt traditionsgemäß auf einem weißen Pferd. Danach heißt es für den Bräutigam warten auf seine zukünftige Frau. Etwas verloren saß der Arme dann auf der Bühne. Das Gerücht, die Braut sei eingetroffen, verbreitete sich allerdings schnell und unglaublicherweise hatten wir die Möglichkeit, Bhavya vor dem Hochzeitstrubel inoffiziell in ihrer Garderobe zu treffen, Fotos zu machen und ihr schonmal alles Gute zu wünschen. Sie war echt unglaublich schön, wenn auch nahezu bewegungsunfähig durch all den Schmuck. Ein weißes Hochzeitskleid ist dagegen echt langweilig! Nachdem die Braut über den roten Teppich zu ihrem Bräutigam geführt wurde, tauschten diese zur Begrüßung Blumenketten aus und mussten eine stundenlange Fotosession über sich ergehen lassen. Die beiden trotzdem lachen zu sehen, hat mich wirklich glücklich gemacht, denn eine arranged marriage sieht im Vergleich zu dieser real marriage anders aus und es fließen im erstgenannten Fall nicht selten Tränen bei der Braut. Obwohl die eigentliche Vermählung noch nicht stattgefunden hat, verlassen die meisten Gäste nach dem Essen und dem Händeschütteln die Hochzeit wieder. Nur der engste Familienkreis (zu dem wir an diesem Abend dazugehören durften) bleibt. Inzwischen war es recht kalt geworden (der Herbst macht sich zumindest nachts bemerkbar...), dennoch hieß es warten. Die eigentliche Zeremonie fing um 2 Uhr nachts an. In einem kleinen Pavillion nehmen Braut und Bräutigam sowie die Eltern der Braut und die beiden freaky Priester (dass so ausgeflippt aussehende Menschen das wohl konservativste Amt innehaben, erscheint mir paradox...) Platz. Viele kleine Rituale folgen, das Brautpaar gibt sich einander sieben Versprechen und bestätigt diese durch sieben Umrundungen eines Feuers in der Mitte des Pavillions. Danach wurde erstmal gratuliert bevor dann schließlich das letzte und emotionalste Ritual beginnen konnte. "Der Auszug der Braut" besteht darin, dass der Bräutigam seine frisch angetraute Frau zu dem Hochzeitsauto führt, gefolgt von der ganzen Familie. Untermalt wird das Ganze von melancholischer Trommel- und Trompetenmusik. Die Braut überschüttet sich selbst mit kleinen Süßigkeiten, welche die Angehörigen später essen werden. Offiziell wird die Braut nun der Familie des Bräutigams übergeben. Es heißt Abschied nehmen von der eigenen Familie - ein Zurückkehren in das Elternhaus ist nicht mehr möglich. Von nun an hat die Braut mit ihrem Ehemann und dessen Familie in einem Haus zu leben. Ihre privaten Sachen, wie z.B. Kleidung muss sie zurücklassen. Eine indische Hochzeit verändert das Leben der Braut doch um einiges mehr als westliche Hochzeiten. Und ja, es sind viele Tränen geflossen. Ein wirklich emotionaler Moment um 5 Uhr morgens. Bhavya & Ankur - I wish you all the best!

Dienstag, 6. Oktober 2009